In folgendem Text versucht unser Ansprechpartner Father Bimal Lakra einen Überblick über die Lebenssituation der Teegartenarbeiter in Assam zu geben. Diese gehören - wie Father Bimal Lakra selbst - fast ausschließlich dem Volksstamm der Adivasi an, der noch zu Kolonialzeiten von den Briten in Assam angesiedelt wurde, um dort in den Teegärten zu arbeiten. Bis heute hat sich an der Lebenssituation vieler Adivasi nur wenig geändert. Mit unglaublichem Einsatz versuchen die Salesianer Don Boscos, Kindern und Jugendlichen aus den Teegartendörfern über Bildung eine bessere Lebensperspektive zu ermöglichen. Die Bildungshilfe versucht hierbei einen kleinen finanziellen Beitrag zu leisten. 

Der nachfolgende Text wurde von Father Bimal Lakra (Foto rechts) erstellt und von Bildungshilfe-Vorstand Tobi Scherbaum aus dem Englischen übersetzt. Zudem haben wir einige Fotos eingefügt.

Liebe Freunde der Bildungshilfe Nordost Indien,

die Bildungshilfe versucht mit ihrer Arbeit die Teegartenarbeiter in Assam zu unterstützen. Diese gehören zum überwiegenden Anteil dem Volksstamm der Adivasi an. Das Wort Adivasi, das die einheimische Bevölkerung übernommen hat, um sich selbst zu beschreiben, bedeutet in etwa „die ersten Einwohner“ oder „die Eingeborenen.“

 

Um die Situation der Adivasi im Nordosten Indiens etwas besser verstehen zu können, ist es sehr wichtig, zu wissen, dass sie ursprünglich nicht aus diesem Gebiet stammen. Das Aufkommen und die rasche Ausbreitung der Teegärten durch die britischen Kolonialherrscher seit Mitte des 19. Jahrhunderts war der Grund dafür, dass der Volksstamm der Adivasi in diesem Teil des Landes angesiedelt wurde. Diese auswärtigen Arbeitskräfte wurden deshalb so dringend gebraucht, weil in Assam, wo die Teegärten aufgrund des vorteilhaften Klimas angepflanzt wurden, ein erheblicher Mangel an Arbeitern bestand. Die örtliche Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand, da sie es als unter ihrer Würde betrachtete, für die ausländischen Arbeitgeber in prekären Beschäftigungsverhältnissen und zu Niedriglöhnen zu arbeiten.

Aufgrund dessen rekrutieren die englischen Kolonialisten billige Arbeitskräfte aus anderen, ärmeren Regionen Indiens. Die Stammesangehörigen der Adivasi wurden von 1840 an zu Tausenden mit dem Versprechen von „wenig Arbeit für hohen Lohn“ in den Nordosten des Landes gelockt. Dieses Angebot war vor allem deswegen wirklich attraktiv, weil die Adivasi ursprünglich aus den ökonomisch ärmsten indischen Bundesstaaten Jharkhand, Chattisgharh, Bihar, Orissa, Madhya Pradesh, Andrah Pradesh und Bengalen kommen und deswegen aus wirtschaftlicher Sicht zur untersten Bevölkerungsschicht gehören.

1961 wurde die Rekrutierung von Teegartenarbeitern außerhalb von Assam gesetzlich durch die Regionalregierung gestoppt. Die Nachkommen der Adivasi, die zwischen 1840 und 1961 nach Nordost-Indien gekommen sind, leben großteils weiterhin auf denselben Plantagen und arbeiten in den Gärten. In den ersten drei Jahrzehnten waren die Lebensumstände in den Teegärten grauenhaft. Einer Untersuchung über die Lebenssituation der Teegartenarbeiter zufolge, lag die Sterblichkeitsrate 1862 in manchen Dörfern bei über 41%. Natürlich sind die Lebensumstände heutzutage nicht mit denen von 1862 zu vergleichen. Nichtsdestotrotz bleiben sie alarmierend.

In den Adivasigemeinden gibt es zumeist weder fließendes Wasser noch Stromversorgung. Ein erwachsener Teegartenarbeiter verdient durchschnittlich 1500 Rupien (25 Euro) im Monat, was sogar für indische Verhältnisse ein unterdurchschnittliches Gehalt ist. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, wenn eine Familie mit im Schnitt 5 Kindern finanziell häufig unter dem Existenzminimum leben.   

 

Der Gesundheitszustand der Arbeiter ist ebenfalls besorgniserregend. Die Menschen sterben an Durchfall und Magendarmerkrankungen. Tuberkulose ist eine andere, weit verbreitete Krankheit, die auf die schlechten Hygieneverhältnisse und die überbevölkerten Unterkünfte zurückzuführen ist. Weil keine Krankenhäuser und gut ausgebildete Ärzte verfügbar sind, vertrauen sich die Menschen Quacksalbern und Landärzten an. Sie können es sich nicht leisten, Fachärzte aufzusuchen, weil ihnen das nötige Geld fehlt, um für die medizinische Versorgung bezahlen zu können. Die Kindersterblichkeit in vielen Dörfern liegt bei 30%, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 55 Jahren.

 

Infolge dieser hoffnungslosen und gleichbleibend angespannten Situation eines Lebens unterhalb der Armutsgrenze, sehen viele Eltern keinen Ausweg aus dem Teufelskreis der Armut und flüchten sich in Alkoholismus. Exzessiver Alkoholkonsum ist eines der am weitesten verbreiteten und dringendsten Probleme, mit dem die Adivasigemeinschaften fertig werden müssen.

 

Hinsichtlich Bildung ist die Lage ebenso fatal: Beinahe 42% der männlichen und fast 53% der weiblichen Teegartenbevölkerung haben niemals Lesen und Schreiben gelernt. Diejenigen, die tatsächlich eingeschult wurden, verließen die Schule großteils spätestens nach der sechsten oder siebten Klasse ohne Abschluss. Der Prozentsatz derjenigen, die die zehnte Klasse tatsächlich erfolgreich beenden, um danach in einem der Colleges aufgenommen zu werden, ist verschwindend gering und liegt wahrscheinlich bei gerade einmal fünf Prozent.

Ein Hauptgrund dafür ist in dem entmutigenden Zustand der Bildung, die in den staatlichen Dorfschulen vermittelt wird, zu suchen. Dort findet im Allgemeinen kein Unterricht statt. Folglich haben die Adivasikinder keine Chance, wenn es darum geht, die landesweiten Abschlussprüfungen zu bestehen. Beinahe alle fallen am Ende des Jahres durch und verlassen die Schule. Entmutigt, desillusioniert und ohne Abschluss.

Teegartenarbeiterinnen in Assam

Tobi Scherbaum in der Jivon Jyoti School (2008)
Informatiosgespräch in einer Teefabrik der Salesiane Don Boscos (Assam, 2013)

Bildungshilfe-Vorstand Tobi Scherbaum beim Besuch der Jivon Jyoti School im Jahr 2008 und beim Besuch in einer von den Salesianern Don Boscos geführten Teefabrik (2013). Mit beiden Projekten versuchen die Salesianer, die Lebensbedingungen der Teegartenarbeiter nachhaltig zu verbessern.

Außerdem hat Bildung in den Dorfgemeinden oft keinen sehr hohen Stellenwert. Viele Erziehungsberechtigte sehen aus diesem Grund keine Notwendigkeit, die Schullaufbahn ihres Kindes voranzutreiben, ganz zu schweigen davon, Geld dafür zu bezahlen, das ohnehin knapp ist. Oft betrachten Eltern ihren Nachwuchs v. a. als Alterssicherung und setzen ihn als zusätzliche Arbeitskraft im Haus und auf dem Hof ein. Sollen die Kinder ein höheres Bildungsniveau erreichen ist Unterstützung deshalb wesentlich und notwendig. In vielen Dorfgemeinschaften gibt es (noch) keine Stammesangehörigen, die Bildung auf Sekundarschulniveau genossen haben und als Anwälte, Lehrer, Beamte, Politiker oder Ärzte arbeiten und so als Vorbild und Motivation fungieren könnten.

 

Jedoch macht sich nach 150 Jahren schrittweise eine Veränderung bemerkbar. Gegenwärtig, werden sich mehr und mehr Adivasi ihrer alarmierend rückständigen Situation bewusst. Die Suche nach alternativen Möglichkeiten der Lebensgestaltung hat bereits begonnen. Immer mehr Eltern werden sich darüber klar, welch enorm positiven Einfluss eine gute Ausbildung auf die Zukunft ihrer Kinder hat. Die steigende Nachfrage nach einem Platz im Bishop Marengo College Hostel zeigt deutlich, dass die Menschen sich des Ernstes ihrer Lage bewusst geworden sind. Die gesetzlichen Vertreter sind zum Großteil bemüht, zumindest einigen ihrer Kinder die Teilnahme an den Abschlussprüfungen zu ermöglichen, in der Hoffnung, dass das letztlich zur Verbesserung der gesamten familiären Situation beitragen könnte und einen Ausweg aus der Armutsfalle darstellt.

 

Das Bishop Marengo College Hostel kann so einen bedeutenden Beitrag zu dieser Entwicklung leisten. Nur wenige Adivasi, die die zehnte Klasse erfolgreich abschließen, nachdem sie so endlos viele Hindernisse aus dem Weg räumen konnten, können ihre Ausbildung in den Colleges fortsetzen. Diese sind nämlich alle in den städtischen Ballungszentren gelegen. Die Adivasi müssten also ihre Dörfer verlassen und sich ein Zimmer in den Internaten der größeren Städte mieten, um eine dieser Bildungsinstitutionen besuchen zu können. Für die Mehrheit der Teegartenarbeiter ist dies ein unmögliches Unterfangen. Die Zimmermieten betragen i. d. R. mindestens 1500 Rupien (25 Euros) monatlich, was in etwa dem Monatsverdienst der Familien entspricht. Unter diesen Umständen bietet das Marengo Hostel den Adivasi eine Alternative. Mit einer monatlichen Zahlung von 200 Rupien (3.33 Euros) können sie Unterkunft bekommen. Dies ist sogar für junge Leute aus ärmeren Gesellschaftsschichten  realisierbar.

 

Aus diesem Grund war der Ausbau des Bishop Marengo College Hostel ein wichtiger erster Schritt für die Zukunft der Adivasigemeinden in Nordost-Indien. Den jungen Leuten wird so eine erschwingliche Unterkunft und gleichzeitig eine Möglichkeit gegeben, einen Abschluss auf Sekundarstufenniveau oder sogar einen Universitätsabschluss zu erwerben. Die realistische Aussicht, sich aus der prekären Situation in den Teegärten loseisen zu können und ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen ist sicherlich eine große Motivation für die jungen Menschen. Der Ausbau des Internats bedeutet einen Hoffnungsschimmer für die gesamte Adivasigemeinde in Nordost-Indien.

 

Auch mit der Unterstützung der Jivon Jyoti School und der Vergabe von Kleinkrediten an junge Frauen und Männer aus den Teegärten leistet die Bildungshilfe Nordost-Indien einen wichtigen Beitrag, die Zukunftsperspektiven der Teegartenarbeiter in Assam zu verbessern. Wir hoffen daher auch in den kommenden Jahren auf die Unterstützung aus Deutschland.

  

Father Bimal Lakra

(Text Father Bimal, aus dem Englischen übersetzt von Tobi Scherbaum)

Einweihunsfeie des neuen Gebäudes im Bishop Marengo Hosel (2013)
Einweihunsfeie des neuen Gebäudes im Bishop Marengo Hosel (2013)

Der Ausbau des Bishop Marengo College Hostels war ein großer und wichtiger Schritt für die Adivasi Community in Assam. Die Bildungshilfe wird auch in Zukunft die Arbeit von Father Jonas Kerketta (links) und Father Bimal (rechts) unterstützen.

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